Aus aktuellem Anlass: Was geht uns eigentlich der Krieg in Georgien an?
Verfasst von rueckgrat am 10. August 2008
Die wenigsten von uns wissen wo Georgien geographisch einzuordnen ist. Noch weniger ist bekannt über die unangenehme Situation der Georgier als Spielball und Zankapfel der globalen Großmächte Russland und USA. Doch genau dieser Aspekt ist auch für uns in Deutschland sehr relevant. Der aktuelle Konflikt ist eine Kraftprobe zwischen der Energiemacht Russland und dem vom russischen Zustrom fossiler Brennstoffe abhängigen Europa / USA bzw. NATO. Russland macht inzwischen keinen Hehl mehr aus der Absicht, mit allen Mitteln seine Stellung als Energiemacht auszubauen. Durch Etablierung von hegemonialen Abhängigkeitsverhältnissen der Öl- und Gas-Abnehmernationen zu Russland sind nicht nur Länder des ehemaligen Ostblocks erpressbar geworden, sondern der gesamte sogenannte „Westen“.
Die Taktik ist erprobt, bereits zu Sowjetzeiten verfuhr der Kreml nach dem Prinzip „Teile und Herrsche“ und achtete darauf, dass kein Teil der Sowjetunion wirtschaftlich selbständig sein konnte. Alle Ströme von Halbfertigprodukten und Rohstoffe aus den einzelnen Landesteilen wurden zentral über Moskau geleitet. Es gab also nirgends eine vollständige Wertschöpfungskette, sondern jeweils nur Teile davon die niemals autark hätten agieren können. Dies war auch ein wesentlicher Grund, warum die Ostblockstaaten lange gebraucht haben in der neuen Souveränität nach dem Fall des Eisernen Vorhangs wirtschaftlich auf die Beine zu kommen. Inzwischen hat Russland im Schatten der Freude über das Ende des Kalten Krieges und dem Kampf gegen den Terrorismus nach der alten Taktik wieder seine Tentakeln ausgeworfen. Diesmal jedoch weit über die Grenzen der ehemaligen Sowjetrepublik hinaus. Dabei gibt es zwei hervorstehende Motivationsmomente. Zum einen sollen unabhängige ehemalige Teilrepubliken der UDSSR wieder „eingegliedert“ werden, zum anderen geht es darum die Kontrolle über möglichst viele Reserven und Transportwege fossiler Brennstoffe zu erhalten um international Macht ausüben zu können.
Grundsätzlich ist die Taktik „klug“, sie sieht erfolgversprechend aus. Russland ist schon soweit, dass die USA und Europa zuschauen, wie Russland eine großangelegte Militäraktion gegen das kleine Land Georgien durchführt. Warum macht die russische Regierung das? Durch Georgien läuft die einzige Pipeline, welche Öl und Gas vom Kaspischen Meer nach Europa transportiert und nicht von Russland kontrolliert wird. 1% der weltweiten Öllieferungen fliesst durch die Baku-Tiflis-Ceyhan Pipeline. Es winkt also fette Beute. Darüber hinaus ist Georgien auch sonst geographisch-taktisch sehr gut gelegen und strebt die Aufnahme in die NATO an. Russland möchte aber keine NATO-Südflanke haben. Aber eigentlich ist es ein Test. Der Kreml testet seine Grenzen aus. Wie weit können Sie gehen, ohne dass es eine militärische Intervention oder andere massive Bestrafungsaktionen gegen Russland gibt?
Wenn Russland in Georgien Erfolg hat, wird es heiss. Dann werden wir in den nächsten 5 Jahren noch mehrere Fälle von Versuchen der Grenzrevision und Einverleibung Energiestrategischer Gebiete seitens Russland erleben. Und dürfen dabei in der ersten Reihe sitzen und Zuschauen, weil wir die Kriege ja auch bezahlen und dulden müssen. Müssen wir wirklich? Ja, solange wir nicht bereit sind unsere Bequemlichkeit zu opfern um uns aus der russischen Energie-Hegemonie zu befreien. Und es wird nicht reichen, im Winter einen dicken Pullover anzuziehen und die Heizung kalt zu lassen. Aber es wäre ein Anfang.
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